Übergreifende Ergebnisse
Was funktioniert bei partizipativer Umweltforschung – und was nicht?
Die drei Fallstudien haben über zwei Jahre hinweg systematische Erkenntnisse geliefert. Diese lassen sich in drei Bereiche gliedern: Sensorik, Toolkit und Beteiligung.
Sensorik
PM2.5 ist kein geeigneter Verkehrsindikator
Die Feinstaubkonzentration (PM2.5) erwies sich als wenig geeignet, um lokale Verkehrseffekte nachzuweisen. Die Messwerte werden stark von großräumigen Wetterlagen, Ferntransport und anderen Quellen beeinflusst. Selbst bei deutlichen Verkehrsreduktionen – wie beim Superblock-Wochenende in Wiesbaden – waren die Effekte im Feinstaub kaum messbar.
Lärm funktioniert besser
Schallpegelmessungen reagieren unmittelbar auf lokale Verkehrsänderungen. In allen drei Fallstudien zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen verkehrsbelasteten und verkehrsberuhigten Situationen. Lärm eignet sich damit gut als Proxy für lokale Verkehrsbelastung.
NO₂-Sensoren derzeit unzureichend
Die getesteten Low-Cost-Sensoren für Stickstoffdioxid lieferten keine zuverlässigen Ergebnisse. Querempfindlichkeiten, Drift und aufwendige Kalibrierungsanforderungen machen sie für den Citizen-Science-Einsatz derzeit ungeeignet.
Kalibrierung ist entscheidend
Die Genauigkeit von Low-Cost-Sensoren hängt stark von individueller Kalibrierung ab. Die entwickelte Kalibrierungsmethode mit mobilen Referenzmessungen und Co-Location ermöglicht brauchbare Ergebnisse, erfordert aber erheblichen Aufwand.
Toolkit
KI-Assistent bewährt sich
Der KI-Forschungsassistent unterstützte in der dritten Fallstudie erfolgreich das Experimentdesign. Er half bei der Strukturierung von Forschungsfragen, schlug das BACI-Design vor und begleitete die Hypothesenentwicklung. Die Akzeptanz bei den Teilnehmenden war hoch.
BACI-Methode funktioniert
Das Before-After-Control-Impact-Design ermöglichte in der Proskauer-Fallstudie eine robuste statistische Auswertung. Die Methode ist anspruchsvoll, aber mit entsprechender Unterstützung auch für Laien umsetzbar.
Space-Time-Concept-Map als zentrales Werkzeug
Die Verbindung von räumlichen, zeitlichen und konzeptuellen Informationen in einer einheitlichen Oberfläche erwies sich als besonders wertvoll. Sie unterstützt sowohl die Planung als auch die Dokumentation und Analyse.
Präsenz-Workshops unverzichtbar
Digitale Werkzeuge können persönliche Treffen nicht ersetzen. Die Kick-off- und Co-Design-Workshops waren entscheidend für Gruppendynamik, gemeinsames Verständnis und Motivation. Hybride Formate funktionierten nur eingeschränkt.
Beteiligung
Motivation meist politisch-aktivistisch
Die meisten Teilnehmenden waren durch konkrete lokale Anliegen motiviert – Verkehrsberuhigung, Spielstraßen, Lärmminderung. Wissenschaftliche Neugier spielte eine untergeordnete Rolle. Diese Motivation ist Stärke und Risiko zugleich.
Politische Motivation schränkt Objektivität ein
Wenn Teilnehmende ein bestimmtes Ergebnis erwarten oder wünschen, kann dies die wissenschaftliche Offenheit beeinträchtigen. In den Fallstudien zeigte sich, dass enttäuschende Ergebnisse – etwa wenn keine signifikante Feinstaubreduktion nachweisbar war – die Motivation erheblich dämpften.
Erwartungsmanagement ist zentral
Die Kommunikation zu Beginn eines Projekts muss realistisch sein: Wissenschaftliche Ergebnisse können die erhofften politischen Argumente liefern – oder auch nicht. Diese Offenheit muss von Anfang an klar sein.
Rollenkarten helfen bei der Aufgabenverteilung
Nicht alle Teilnehmenden wollen oder können sich gleichermaßen einbringen. Die entwickelten Rollenkarten mit unterschiedlichen Beteiligungsgraden (Kernteam, Unterstützer, Beobachter) ermöglichen flexible Partizipation ohne Überforderung.
Feldarbeit wird geschätzt, Konzeptarbeit weniger
Die praktische Arbeit – Sensoren aufstellen, Messungen dokumentieren, Beobachtungen sammeln – wurde durchweg positiv aufgenommen. Abstraktere Tätigkeiten wie Hypothesenformulierung oder Variablendefinition erforderten mehr Anleitung und wurden teilweise als mühsam empfunden.
Langzeitprojekte sind herausfordernd
Die sechsmonatige Messkampagne in der Proskauer Straße zeigte die Schwierigkeit, Engagement über längere Zeiträume aufrechtzuerhalten. Regelmäßige Treffen, sichtbare Zwischenergebnisse und klare Meilensteine sind notwendig, um Motivation zu erhalten.
Fazit
Partizipative Umweltforschung funktioniert – unter bestimmten Bedingungen. Sie erfordert realistische Erwartungen, geeignete Messparameter, intensive Begleitung und die Akzeptanz, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht immer die gewünschten politischen Argumente liefern.
Das SensEm-Toolkit bietet dafür eine solide Grundlage. Die größte Herausforderung bleibt die Balance zwischen wissenschaftlicher Strenge und partizipativer Offenheit.